Mehr als 500 Lawinenereignisse aus vier Wintern haben die Innsbrucker Experten Hanno Bilek und Walter Würtl ausgewertet. Ein Detail: Von zehn zur Gänze verschütteten Opfern überleben nur vier.
Von Irene Rapp, Tiroler Tageszeitung
Seit November 2005 werden die von der Alpinpolizei bei Lawinenereignissen erhobenen Daten speziell erfasst und sofort weitergeleitet – u. a. an das Kuratorium für Alpine Sicherheit. Demnach kam es in den vergangenen vier Wintern im gesamten Bundesgebiet zu 502 Lawinenunfällen mit 906 Beteiligten, 101 starben unter Lawinen.
Hanno Bilek vom Kuratorium für Alpine Sicherheit und Walter Würtl vom Oesterreichischen Alpenverein (früher Bundesfachreferent für Lawinenkunde im ÖBRD) - beide ausgewiesene Experten für Lawinenkunde und Alpinwissenschaften - haben die umfassenden Zahlen allerdings genauer unter die Lupe genommen.
Walter Würtl dazu im Interview der ORF-Regionalradios (5. Februar 2010) - Download MP3
Bilder: Andreas Bartolot (Alpinpolizei), Gerald Lehner (ÖBRD)
Geringe Überlebenschancen
Die Ergebnisse sind zum Teil erschreckend. So ist die Wahrscheinlichkeit, als Ganzverschütteter einen Lawinenabgang zu überleben, relativ gering. „Nur vier von zehn Opfern kommen lebend heraus. Lawinen sind einfach tödliche Ereignisse“, formuliert es Würtl drastisch.
Wobei es mehrere Todesursachen gibt: So sterben laut Schätzungen 20 Prozent der Lawinenopfer aufgrund des mechanischen Sturzereignisses (Brüche usw.), 70 Prozent ersticken unter der Lawine, 10 Prozent erfrieren.
15 Minuten als primäres Zeitfenster
Interessant ist auch ein weiteres Detail: Bei den in den vergangenen vier Wintern ganzverschütteten Personen, die überlebt haben, konnten 65,3 Prozent von ihren Kameraden gerettet werden. Die restlichen 18,3 Prozent wurden durch einen planmäßigen Einsatz (Bergrettung) geborgen.
Die Kameradenbergung ist deswegen ein nicht zu unterschätzendes Thema, weil vor allem der Faktor Zeit, den ein Verschütteter unter der Lawine verbringt, von Bedeutung ist.
„Wer in den ersten 15 Minuten von seinen Kameraden gefunden und ausgegraben wird, überlebt zu 82 Prozent", nennt Bilek ein Detail der Untersuchung. Dann sinkt dieser Wert allerdings drastisch ab: Wer innerhalb von 16 bis 30 Minuten ausgegraben wird, überlebt nur noch zu 36,4 Prozent.
ÖBRD-Nachwuchs mit Übungspuppe bei simuliertem Lawinenunfall
Ohne LVS-Gerät kaum Hoffnung
Nicht zu vergessen das LVS-Gerät, das sich laut Studie als wichtigste Ortungsmethode bei Lawinenabgängen herausgestellt hat. „Gute Chancen, als Ganzverschütteter einen Lawinenabgang zu überleben, hat nur jemand mit einem LVS-Gerät“, sagt Bilek. So liege die Überlebenschance bei derart Ausgerüsteten bei 50 Prozent, beim Sondieren liegt dieser Wert bei 24 Prozent, beim Lawinenhund bei 15 Prozent.
Das Fazit der zwei Experten: „Mit VS-Gerät ausgestattet zu sein und effiziente Kameradenrettung sind das Um und Auf“, sagt Würtl. Und er gibt folgende Empfehlung, die allerdings von Fall zu Fall abzuschätzen sei:
„Wenn man in einer Gruppe unterwegs ist und es werden Personen verschüttet, dann gibt einer den Notruf ab, die anderen suchen. Ist man nur zu zweit unterwegs und kommt es zur Verschüttung einer Person, dann sollte man sofort mit der Suche beginnen – weil jede Minute zählt und die Alarmierung von Rettung einige Zeit in Anspruch nimmt.“
Zurück zu den Ganzverschütteten und ihren schlechten Überlebenschancen: „Als zusätzliches Ausrüstungselement empfiehlt sich der Lawinenairbag, da dadurch eine Ganzverschüttung in den allermeisten Fällen verhindert werden kann“, so Bilek.
Walter Würtl dazu im Interview der ORF-Regionalradios (5. Februar 2010) - Download MP3
tt.com