Unfallverhütung: Lernen aus Bergtragödien
Hunderttausende Leser täglich: Screenshot der Titelseite von ORF.at mit Glockner-Analyse (rechts) - am 22. November 2011.
Fachlicher Rückblick und Analyse ein Jahr danach: Ende Oktober 2010 sind auf dem Großglockner drei Bergsteiger aus Polen erfroren. Derartige Tragödien verschwinden rasch aus den Schlagzeilen. Dabei kommen die Ursachen oft erst Monate später ans Licht - nach genauen Recherchen der Alpinpolizei, die jeden Todesfall dokumentieren muss. Österreich ist das erste Land der Welt, das Erkenntnisse aus solchen Recherchen der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt - damit es in Zukunft weniger Tote und Verletzte gibt. Auch die Todesfälle auf dem Glockner wären vermeidbar gewesen.
Hauptstory von ORF.at …
ORF-Teilberichte:
Interview mit ÖBRD-Einsatzleiter Peter Ladstätter
(Zusammenfassung, Auszüge)
Backgrounds der neuen Fachzeitschrift "analyse:berg"
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LADSTÄTTERS Sicht hier in voller Länge ...
Weil in ORF.at das Interview mit ÖBRD-Einsatzleiter Peter Ladstätter nur kürzer zusammengefasst Platz hatte, bringen wir es hier als Leseprobe aus der neuen Fachzeitschrift "analyse:berg" in voller Länge.
Das Interview mit dem Osttiroler Bergretter führte Hanno Bilek vom Kuratorium für alpine Sicherheit ...
Gesprächspartner bei Übung im Hubschrauber: Peter Ladstätter, der für den ÖBRD den Glockner-Einsatz als Einsatzleiter betreute ...
Bilek: Bei diesem harten Geschehen auf dem Glockner mussten die Rettungsmannschaften unangenehme Entscheidungen treffen. Sollten sie umkehren oder zu der vermeintlichen Position der Verletzten steigen? Wie geht man in einer solchen Situation vor?
Ladstätter: Sie trafen die Entscheidung im Team. Es entscheidet nicht der Einsatzleiter allein. Das nimmt eine große Last von seinen Schultern. In eine solche Diskussion bringen sich in erster Linie die Erfahrensten ein, um das Risiko und die Möglichkeiten abzuwägen, was möglich ist und was nicht. In solchen Teams sind meistens junge Wilde und alte Hasen bei uns zusammengespannt. Das Wichtigste ist der gegenseitige Respekt. Grundsätzlich: Die Bergrettung ist keine „One-Man-Show“, bei der sich Einzelne profilieren können. Objektivere Entscheidungen sind immer im Team zu treffen. Wenn ich mehrere kompetente Meinungen zusammenführe, dann habe ich ein Resultat, das möglichst nahe an der Realität ist.
Bilek: Was hat euch bei diesem Glockner-Drama am meisten beschäftigt?
Ladstätter: Es waren Bergretter dabei, die sagten, dass wir die Verletzten in maximal 40 Minuten erreichen könnten, wenn wir Gas geben. Anderen war es zu gefährlich. Die schwierigste Entscheidung musste auf dem Kleinglockner getroffen werden, dem Vorgipfel. Sie sind dann im Sturm nicht mehr weitergegangen, um nicht selbst in große Lebensgefahr zu kommen.
Bilek: Wir sehen auf den Bildern die beinharten und gefährlichen Verhältnisse. Was befähigt Bergrettungsleute, bei solch arktischen Bedingungen mit hohen Windgeschwindigkeiten überhaupt noch, auf Berge zu steigen?
Ladstätter: Wegen des Windes sind alle ab der Adlersruhe immer angeseilt gegangen. Der Sturm war teilweise so stark, dass einzelne Männer aus dem Stand einfach umgerissen wurden. Alle, die bei dem Einsatz ganz oben dabei waren, kennen diesen Berg wegen der häufigen Einsätze auch bei widrigsten Verhältnissen. Zusätzlich zu diesen Erfahrungen ist das Wissen über das eigene Können entscheidend. Eine zusätzliche Stärke ist die Mannschaft selbst. Wenn ich ein eingeschworenes Team habe, dann sind viele Vorteile auf meiner Seite. Ich weiß, was jeder kann. Und ich weiß, dass sich jeder genügend Reserven behält, um wieder lebend und gesund zu gewissen Stützpunkten zurückzukehren. Zusätzlich wären unsere Glockner-Einsätze in dieser Art ohne die Schutzhütte bei der Adlersruhe und die Stüdlhütte überhaupt unmöglich. Bei solchem Sturm und bei Dunkelheit ist außerdem an Hilfe durch Hubschrauberbesatzungen nicht einmal ansatzweise zu denken.
Bilek: Aus der Analyse wissen wir, dass die Verunfallten ein Handy dabei hatten. Auf dem Glockner besteht vielerorts Netzempfang, technisch wäre eine Alarmierung möglich gewesen. Hätte die Bergrettung helfen können, wenn rechtzeitigt alarmiert worden wäre?
Ladstätter: Hätten sie, als der Vater konditionell schon nachgelassen hatte, ihn zum Windschutz auf die Lee-Seite transportiert, in die Mitte genommen und gewärmt, einen Notruf abgesetzt, dann hätten sich noch am Abend unsere Teams in Bewegung setzen können. Irgendwann in den frühen Morgenstunden zwischen zwei, drei oder vier Uhr wären unsere Bergretter mit Arzt bei ihnen eingetroffen. Es hätte Chancen gegeben, dass alle überleben. Aber ich habe immer ein Problem mit der Philosophie „Hätti, wari ...“ („Hätte ich, würde ich").
Bilek: Wie funktionierte die Einsatzleitung?
Ladstätter: Der Bezirkspolizeikommandant hat gemeinsam mit mir die Einsatzleitung im Tal organisiert. Suchaktionen sind letztlich Fahndungen und eine logistische Aufgabe der Polizei. So hatte in diesem Fall der Bezirkspolizeikommandant die gesamte Einsatzkoordination inne. Die Polizei hat den gesetzlichen Auftrag und die Technik, jedoch nicht die personellen Ressourcen für große Suchaktionen im alpinen Raum. Deshalb wird bei vermissten Bergsteigern sehr oft die Bergrettung zur Assistenz herangezogen. Aber generell ist die Suche nach Vermissten immer eine Angelegenheit der Polizei. Das ist auch vielen in unseren Reihen der Bergrettung nicht klar. Unsere Zusammenarbeit mit der Alpinpolizei funktioniert in Osttirol optimal.
Bilek: Schwierig ist bei vielen Einsätzen die Informationsarbeit gegenüber Medien und Angehörigen.
Ladstätter: In erster Linie bekommen die Einsatzmannschaften die allererste und die letzte Information. Bevor sie ins Gelände gehen, und auch wenn sie retourkommen, dann werden ihnen alle wichtigen Informationen mitgeteilt. An zweiter Stelle kommen die Angehörigen. Sie bekommen Informationen immer vor den Pressevertretern. Wir versuchen, ihnen auch klar zu vermitteln, wie die Angehörigen uns Einsatzkräfte unterstützen können. Beispielsweise hat es überhaupt keinen Sinn, Verunfallte oder Leute in Bergnot dauernd auf dem Handy anzurufen. Im weiteren Einsatzverlauf könnte der Akku so geschwächt sein, dass man das Handy nicht mehr mit technischen Methoden orten kann. Das könnte in manchen Fällen echte Lebensgefahr mit sich bringen. Daher versuchen wir oft, Angehörige in den Einsatz einzubinden, um sie von solchen Aktionen abzuhalten.
Bilek: Hattest du beim Glockner-Einsatz mit den Angehörigen direkten Kontakt?
Ladstätter: Selbstverständlich. In diesem Fall haben ein Bergrettungsarzt, der Bezirkspolizeikommandant und ich die Angehörigen informiert. Von Mitgliedern des Kriseninterventionsteams sind sie zusätzlich lückenlos betreut worden.
Bilek: In Osttirol hat es im letzten Jahr zwei Bergunfälle gegeben, die international ein enormes Interesse von Medien erregt haben. Wie geht man mit diesem Ansturm um?
Ladstätter: Wir haben für Journalistinnen und Journalisten ein eigenes Pressezentrum eingerichtet. Dort haben sie Platz für ihre Ausrüstung und Schreibarbeiten bekommen. Sie wurden auch mit Getränken usw. versorgt. Die Information der Presse hat nur durch den Bezirkspolizeikommandanten und mich stattgefunden. Nur so kann man den Informationsfluss bündeln und ordnen. Ein Beispiel: Wir haben am vierten Tag den Leichnam des toten Vaters von der Adlersruhe ins Tal geflogen. Wir wünschten uns von den Pressevertretern, dass sie kein Foto und keine Filmaufnahmen von dem Hubschrauber mit dem Leichensack machen. Sie konnten jedoch den Abtransport mit dem Leichenwagen filmen. Das haben alle Journalisten akzeptiert. Einerseits wurden sie von uns stets gut betreut und informiert, andererseits konnten wir auf diese Weise das eine oder andere einfordern, was aus unserer Sicht wichtig für eine seriöse Medienarbeit ist.
Bilek: Warum ist das für die Bergrettung wichtig?
Ladstätter: Wir können dadurch ein professionelles Bild der Hilfeleistung in der Öffentlichkeit vermitteln, das ja auch der Realität entspricht. Es werden keine Vermutungen und Gerüchte in Umlauf gebracht. Wer zu wenig seriöse Informationen liefert, kommt schnell in Gefahr, dass sich Berichterstatter etwas zusammenreimen müssen. Und bei guter Medienarbeit haben Journalisten den Vorteil, dass sie Fakten für spannende und korrekte Berichte erhalten. Zusätzlich bekommen sie von den Einsatzkräften pressetaugliche Fotos auch aus höheren Regionen des Berges, die sie selbst niemals machen könnten.
Bilek: In Medien wird oft das Bild transportiert, Bergretter riskieren bewusst ihr Leben, um anderen zu helfen. Ihr habt in Osttirol häufig schwierige Einsätze. Wie denkst du darüber?
Ladstätter: Wir müssen zwischen Berge- und Rettungsphase unterscheiden. Nachdem wir den Vater tot gefunden hatten, war es viel zu gefährlich, den Leichnam gleich abzutransportieren. Für Bergretter gilt es in der Bergephase, einen günstigen Zeitpunkt mit besseren Verhältnissen abzuwarten und einen Toten erst dann vom Berg zu bringen. Die beiden anderen Vermissten ordneten wir zum Zeitpunkt des traurigen Fundes auf dem Kleinglockner noch der Rettungsphase zu. Wir hofften, dass sie noch leben. Die Suche nach den zwei Jüngeren hatte ab diesem Zeitpunkt oberste Priorität, und natürlich nicht der Abtransport des Toten. Bei Lebenden geht man auch ein gewisses Risiko ein. Ein Rückzug der Retter muss aber immer möglich sein. Wir sprechen von kalkuliertem Risiko. Man nimmt dann auch in Kauf, sich zu verletzen – in der Hoffnung, einem anderen Menschen das Leben zu retten. Aber man nimmt nicht in Kauf, sein eigenes Leben bewusst zu riskieren. Dann wären wir hilflose Helfer.
Bilek: Was empfindet man nach einem so schweren Einsatz, der noch dazu so traurig ausgeht?
Ladstätter: Helfen steht bei uns im Mittelpunkt. Dafür sind wir Bergrettungsleute. Die Ursachen- und Motivforschung kommen erst viel später.
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