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Experte warnt vor Bären-Romantik
Einem Österreicher, der in Kanada arbeitet, tut der mögliche Abschuss von "Problembären" in Europa in der Seele weh. Es bleibe aber oft nichts Anderes übrig, sagt Fritz Mayr-Melnhof. Er warnt vor Bären-Romantik.

Text und Bilder von Gerald Lehner

"Ungestörtes Bärenleben kaum möglich"
Der gebürtige Salzburger lebt und arbeitet im oberösterreichischen Salzkammergut und teils im hohen Norden Kanadas.

Fritz Mayr-Melnhof ist Diplomingenieur für Forstwirtschaft. Als Gutsbesitzer und Jäger hat er im Yukon Territory ein riesiges und unbesiedeltes Bergland in seiner Obhut, das größer als das Bundesland Salzburg und angrenzende Bergregionen ist. Nur in solchen Gebieten könnten Braunbären ungestört leben, sagt er. Alpenregionen eignen sich nicht mehr für diese prachtvollen Riesen, so der Spezialist, der sich mehr als Heger denn als Jäger versteht.

  Wilder Braunbär auf einem Kleefeld in den Vorbergen der Alaska Range in den USA: Wenn ein Großer im halbstarken Alter von Bergsteigern oder Wanderern überrascht wird und in dieser Haltung immer näher kommt, macht das Witzereißen über ein Handshake mit Meister Petz eine rasche Zwangspause.

Freie Räume wichtig
Mayr-Melnhof sagt, dass sich viele Europäer nicht vorstellen könnten, wie riesig ein Gebiet sein muss, damit sich Braunbären wohl fühlen. In Nordamerika nennt man diese Spezies "Grizzly" - von Physiologie und Verhalten her sind es die gleichen Gesellen wie in den Alpen.

Was sind Schein-Angriffe?
Mehr als drei Viertel aller Angriffe durch wilde und noch menschenscheue Grizzlys verlaufen laut kanadischen Statistiken glimpflich und harmlos, obwohl das gefährlich aussehen kann. Und bis es zum Scheinangriff kommt, braucht es auch einige Störungen oder Provokationen - ob bewusst oder unbewusst durch den Menschen. Der Bär droht, sträubt das Fell, faucht, läuft an und stoppt knapp vor den Bedrohten, ehe er abdreht. In dieser Phase: Nie in die Augen sehen! Besonders nervös und reizbar sind Bärinnen mit Jungen oder Tiere beiderlei Geschlechts, die gerade Beute gemacht haben. Junge und Futter verteidigen sie bei überraschenden Begegnungen notfalls mit allen Mitteln.

Junge Schwarzbären auf dem Cassiar Highway etwas südlich von Teslin Lake im hohen Norden von British Columbia (Kanada), etwa 500 Kilometer von der nächsten größeren Siedlung entfernt. Schwarzbären sind kleiner als Braunbären, gelten jedoch insgesamt als angriffslustiger als die großen Brüder und Schwestern. Sie können im Gegensatz zu diesen auch hervorragend klettern. Deshalb fallen Bäume als Fluchtpunkte aus.

Engagement für Braunbären
Europäische Braunbären seien bei Körperbau, Größe und Verhalten sehr enge Verwandte der nordamerikanischen Grizzlys, sagt Mayr-Melnhof. Er beschäftigt sich seit Jahren mit diesen Tieren. Mayr-Melnhof arbeitet auch mit einem Bären-Experten zusammen, der früher bei der Royal Canadian Mounted Police tätig war. In mehr als 30 Jahren hat der Österreicher nur zwei Exemplare erlegt und sich bei vielen Dutzend in seiner Region für deren Schutz stark gemacht:

"Wilde Bären weichen aus, wo es geht"
"Es ist das größte Raubtier, das es in Europa und Nordamerika gibt. Und für Späße, respektlose Annäherungen oder romantische Gefühle von Bären-Esoterikern - von denen einer vor einigen Jahren in Alaska umgekommen ist - eignet sich der Braunbär nicht. Es gibt eine relativ hohe Toleranzschwelle, aber die würde ich lieber nicht antasten wollen.
Ein normales Tier weicht dem Menschen aus, wo es nur kann. Dazu braucht es aber riesige Flächen, Gebirge und für Menschen fast undurchdringliche Wälder."

  Fritz Mayr-Melnhof in seinem Element beim Fliegenfischen im nördlichen Kanada.

Füttern oder Mistkübel als Todesurteile
In Nordamerika gibt es in Bärengebieten flächendeckend bärensichere Mistkübel. Denn sobald ein Wildtier auf den Geschmack von Leckerbissen aus menschlicher Umgebung oder der Tierzucht kommt, mache es Klick in seinem Kopf, beschreibt Fritz Mayr-Melnhof die Lage. Wenn dazu noch Bären in Nationalparks von Besuchern gefüttert werden, komme das einem Todesurteil für die Tiere gleich - weil sie danach fast nur noch menschliche Nähe suchen. Solche Problembären müssen von den kanadischen Mounties oder US-Polizisten in fast allen Fällen erlegt werden. Zu große Nähe und mangelnder Respekt vor menschlichen Siedlungen kann zu fürchterlichen Angriffen führen, wenn ein Tier in die Enge getrieben oder überrascht wird, sagt Mayr-Melnhof:

"Verhalten nur natürlich"
"Wer Bären den Tisch deckt, leicht erbeutbare Schafe oder Ziegen in der Gegend sind, leckere Bienenstöcke zur Verfügung stehen, dann wird sich jeder Bär bedienen. Das ist ganz natürlich. Außerdem kommt der Bär bei uns in jeden Mistkübel von Dörfern hinein."

"Bitte keine Romantik"
Die Frage, ob sich die dicht besiedelten Alpen für Braunbären eignen, beantworte sich von selbst, ist Fritz Mayr-Melnhof überzeugt:

"Alpen hätten massive Probleme"
"In Mitteleuropa gibt es keine geeigneten Rückzugsräume für diese Tiere mehr, auch in den Alpen nicht. Das ist traurig, aber es ist ein Faktum. 
Hier sollte man keiner Romantik huldigen. Im Vergleich zu Kanada oder Alaska würde es bei größerem Bärenbestand zu massiven Problemen in den Alpen kommen. Bären haben hier keine menschenleeren Räume mehr, die sie brauchen wie die Luft zum Leben."

Verfechter der Ansiedlung sehen das anders
Naturschutzverbände wie der WWF, Nationalpark-Manager, einige Zoologen und andere Bärenfans sehen das völlig anders. Es sei sehr wohl möglich, einen Interessensausgleich zwischen den Ansprüchen der Bären und jenen der Menschen zu erreichen. Von verschiedenen Institutionen und Gebietskörperschaften wurden dazu so genannte Bärenanwälte berufen, die sich bei Schadensfällen um die nötige Kommunikation und mögliche Entschädigungen kümmern sollen. Ob solche Ansätze mittel- und langfristig dazu geeignet sind, die gelegentlich verunsicherte Landbevölkerung im Gebirge zu beruhigen, wird sich zeigen müssen.

Schwierige Gratwanderung
Parallel dazu gibt es auch Hinweise, wonach so mancher Bär, der in die Alpen zugewandert ist, auch illegal abgeschossen wurde - ein klarer Gesetzesbruch. Denn der strenge Schutz ist unbestritten - bis ein Bär zum Problembär wird.

Es gibt in einigen Regionen der Alpen verschiedene Projekte zur Förderung der Ansiedlung von Bären - auch in Österreich. Vom Trentino über Südtirol oder den zum Teil weniger dicht besiedelten Gebirgen und Mittelgebirgen im ehemaligen Jugoslawien, Rumänien, Tschechien und der Slowakei gehen immer wieder Bären auf Wanderschaft - bis in die Ostalpen und darüber hinaus nach Norden, wie vor einigen Jahren der Problembär "Bruno" vor seinem Abschuss in Bayern demonstriert hat.

 Allesfresser wie Schweine
Braunbären seien Allesfresser, sagt Mayr-Melnhof. Sobald sie wissen, was in menschlicher Nähe auf sie wartet, hätten sie die gleichen Vorlieben wie Haus- oder Wildschweine. Und sie würden dann in vielen Fällen ebenso aufdringlich. Für Experten der Royal Canadian Mounted Police nähern sich dann die Phasen, in denen die Tage eines Problembären gezählt sein müssen.

"Es geht nur mit starken Gewehren, und wenn der erste Schuss nicht an der richtigen Stelle sitzt, dann rastet auch so mancher ruhigere Zeitgenosse erst aus. Es bleibt dann nicht selten genug Zeit aufgrund der Adrenalin-Ausschüttung in dem riesigen Körper, um zum Angriff überzugehen."

Nahezu alle Schwierigkeiten mit Bären würden nicht von diesen sondern von Menschen verursacht, die nicht bärensicher wirtschaften und kochen. Den feinen Nasen entgeht nichts, wenn es darum geht, sich lebenswichtigen Speck für den Winter anzufressen oder Reize für die Zunge aufzuspüren. Kleine bis mittlere Haustiere, zugängliche Leckerbissen, Lebensmittelreste, Jausenpapier, Hausmüll, unsauberes Geschirr, Abwaschwasser, sogar süße Zahnpaste und gebrauchte Hygiene-Artikel sollten unerreichbar verstaut oder unerreichbar entsorgt werden. "Letztlich auch zum Schutz der prachtvollen Tiere", betont Mayr-Melnhof.

3. Juni 2009: Braunbär reißt Schafe in Osttirol

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